Hitze
Es war wieder einer dieser Tage, wo ich langsam in meine Einzelteile transpiriere. In diesem Dilirium teilweiser Zersetzung fing ich an den folgenden Text niederzudeklamieren!
Ich fuehlte mich dem Zustand gleich, den man verspuert, wenn man ohne Tauchgeraet mehrminuetige Rekordsversuche in typisch flachgewaessrigen Gegenden unternimmt und versagt und kurz nach den Reanimationsversuchen das Bewusstsein wiedererlangt!
Es war einer dieser Tage, von denen ich mich persoenlich immer Fragte: “Warum gibt es diese? Wer hat Sie gemacht? Und welche Strafe hat er dafuer erhalten?”.
Aber von Anfang an:
Als ich mich des morgends erfolgreich chirurgisch aus dem Bettzeug sezierte, weil dieser in der Nacht mit dem koerpereigenen Schweisssekret eine mehr oder minder feste Bindung eingegangen war, um mich danach zur Morgentoilette zu schleppen um sich der restlichen feststofflichen menschlichen Abfallprodukte zu entledigen, gebar ich in mir in geistig ausduenstender Umnachtung die folgende Fragestellung: “Schwitzt Du noch oder Transpirierst Du schon?”
Ich schleppte mich ins Bad, welches in meiner recht uebersichtlichen Behausung auch der Ort fuer die regelgerechte und sanitaere Darm- und Blasenentleerung darstellt. Meine Bemuehungen die Beinkleider in Kniehoehe zu senken, welche ich in der Nacht zu tragen gedachte, erschienen zur Hoffnungslosigkeit verdammt. Zumal ich mein Sizierbesteck neben meinem Bett hatte liegen lassen. Ich setze nun mit einem kraeftigen Ruck den Impulserhaltungssatz ein und musste von qualvollem gepeinigtem Schmerz Aufschreien. Ich war der Ansicht gewesen, am hinteren mittleren Koerperareal wuerden sich keine roehrenfoermigen Hornhautablagerungen befinden. Als ich jedoch, nach dem dieser infernalische Schmerz nachgelassen hatte, mein Beinkleid betrachtete welches sich nun auf Knoechelhoehe einpendelte, stellte ich fest, dass ich nun eine neue warme Fellhose besass!
Ich revidierte meine Ansicht ueber Koerperbehaarung und setze mich auf meine, mir mittlerweile am Hintern angepasste Entsorgungskeramik. Es kostete mich meine ganze Konzentration meine zentrale Lage auf der kunststoffbedampften Klobrille nicht zu verlieren. Der Schweiss den ich, ohne eigenes zutun in Form von koerperlicher oder geistiger Anstrengung produziert hatte, lieferte ein hoch gleitfaehiges Schmiermittel, welches zu meinem Bedauern genau die zentrale Position zwischen meiner Keramikrone und meinem Gesaess einnahm. Ich als Informatiker musste unweigerlich an die “Man in the Middle”-Attacke denken! Als sich mein Geichgewichtssinn auf diese gerade neu entstandene Herrausforderung angepasst hatte, fasste ich den Mut und lockerte den Schliessmuskel zur vollstaendigen inneren Saeuberung.
Waehrend ich so da sass, ueberkam mich ploetzlich ein Druck in der Blasengegend. Ich dachte bei mir, das koenne nicht sein, denn jegliche Fluessigkeit habe ich wohl schon durch saemtliche andere Poren des Koerpers bereits verdampft. Dies bestaetigten auch die kleinen Zementbroeckchen, die wie Bauschutt in meine Kloschuessel plumpsten und an diversen Stellen den Lack, den der Hersteller sehr gleichmaessig und mit grosser Sorgfalt aufgebracht hatte, abplatzen liessen. Jedoch dachte ich mir nichts dabei und liess dem Harndrang freien Lauf. Dies war ein Fehler wie sich herausstellen sollte, denn ploetzlich quillte aus allen winzigen Oeffnungen, die dieses natureigene Gleit- und Versiegelungsmittel noch zwischen mir und dem Scheisshausdeckel gelassen hatten, eine gelbe kristalline Staubwolke, so als waere ein Sack Mehl auf den Boden gefallen und durch die Umwandlung der gewonnen kinematischen Energie in die gleich grosse Verformungsenergie in einer Expansionswolke explodiert!
In dieser Schrecksekunde schloss ich jeden mir zur Verfuegung stehenden Schliesmuskel. Mit dem Resultat, das sich mein Hintern anspannte und somit eine grosse Portion Haftreibung verlustig ging. Ich rutschte unter lautem getoese von der keramischen Abteilung und plumpste auf den Boden, wo die restliche koerpereigene Gleitcreme ihr uebriges dazu tat, denn durch dem durch den freien Fall erhaltenen Impuls rutschte ich gleich bis in die Kueche. Als ich mich umdrehte und den Boden betrachtete, wurde mir klar, das ich mir wenigstens fuer Heute mein dreilagiges und chlorfrei gebleichtes Toilettenpapier sparen konnte.
Ich stand auf und zog mir meine neue Fellunterhose ueber den Hintern. “Das waere geschafft!” dachte ich so bei mir. Ich nahm davon Abstand mir neue Klamotten anzuziehen, denn vieleicht hatte ich auf dem Ruecken, wo ich aehnlich wenige Haare wie auf dem Apfel oder Birnen-Po vermutete, wieder eine Fehlprognose ins Leben gerufen. Nach dem Motto “Lieber stinken als Bluten!” behielt ich meine mir bis dato zur zweiten Haut gewordene Montur an.
Die Uhr zeigte auf “Schonwieder zu Spaet” und ich beeilte mich zu meinem Wagen zu kommen. Die Hitze musste mir mehr zugesetzt haben als ich anfangs geglaubt hatte. Die koerperliche Anstrengung derer ich mich Ausgesetzt sah, z.B. vor dem Aufzug stehend warten bis selbiger kam, tat ihr uebriges dazu. Mein Geist schien sich zu ueberschlagen, denn als ich aus unserem Haus in eine Hitze hinaustrat, die selbst eingefleischte Tuareg der 113. Generation zum Selbstmord treiben wuerden, sah ich ploetzlich Menschen die an mir, mit froehlichem Gesicht, vorbei joggen. “Jooooggggten”!
Mir war voellig klar, es konnte sich nur um eine Einbildung handeln, die sich mein Verstand aus den mittlerweile gar gekochten Gehirnwindungen zusammenklaubte und automatisch an mich weitergab um sich selbst nicht damit zu belasten! Ich schleppte mich zu meinem Auto, wo ich eine Naessespur hinter mir herzog, als waere ich voller Montur in den Kanal gefallen und knapp dem Ertrinken entkommen. “Schade!” dachte ich so bei mir!
Ich stieg in mein kleines, fuer den Sommer sehr unpassend lakiertes, Vehikel ein und hielt einen Moment inne. Die Stauwaerme die sich mir dort wie eine Wand wiedersetzte, musste mehr kinetische Energie gehabt haben als seinerzeit noetig gewesen war um das Weltraumteleskop Hubble in seine Umlaufbahn zu bringen. So mussten sich wohl Astronauten fuehlen, wenn Sie in die Korona der Sonne hineinfloegen, um kurz danach mit ihrem, spontan entwickelten, erhabenen Gefuehl zu vergluehen.
Als ich es schaffte ein wenig dieses zaeh lohenden Gasgemisches aus meinem Auto zu verdraengen, in der Menge das ich selbst darin Platz zu finden vermochte, schloss ich die Tuer. Wie ich dann feststellen musste, gehoert dieser antrainierte Reflex die Autotuer zu schliessen, nicht zur der Sorte, die der Arterhaltung dienen mochte! Ich begann die Sinne zu verlieren, denn ich bekam keine Sauerstoffmolekuehle mehr, um mein aeorobes Leben weiter zu fuehren. Als ich bewusstlos zusammensackte, kam ich wohl an den Schalter fuer mein elektrisches Carbrioverdeck, welches sich dann oeffnete. Diesem sehr gluecklichen Zufall verdanke ich meine mikrige Fortexistenz.
Als ich mich geistig gesammelt und den ueberfluessigen Feuchtigkeitshaushalt von mir abgeschuettelt hatte, startete ich den Wagen. Das Auto sprang unter der Hitze nur unwillig und muehsam an. Ich glaubte ein kurzes Stoehnen mit dem Wortlaut “Arschloch” aus dem Motorraum zu vernehmen. Aber in diesem Moment konnte und wollte ich es meinem Auto wirklich nicht veruebeln.
Ich fuehr auf die Autobahn und genoss den leicht kuehlen Fahrtwind. Als mein Blick sanft den Rueckspiegel meines Autos streifte, merkte ich wie hinter mir die Autos mit eingeschalteten Scheibenwischern fuhren. Ich fragte mich, warum sie dies denn wohl taten. Denn vor und neben mir war alles trocken. Bis ich erkannte, das ich selbst der Grund dafuer gewesen bin. Durch den Fahrtwind wurde mir der Schweiss von meinem Haupt gerissen und ich zog einen Schweif von salztriefender, verdampfender Fluessigkeit hinter mir her, dass ich fuer einen stationaeren Beobachter wie ein Komet habe aussehen muessen.
Auf jenem Parklplatz angekommen, wo ich mein Fahrzeug waehrend meiner mir, von meinem Arbeitgeber zugete
ilte Arbeitszeit, welche ich vor Ort mehr oder minder Produktiv zu verbringen hatte, abzustellen gedachte, sah ich mich alsbald einem neuen Problem entgegen. Dem Aussteigen. Wie ich vielleicht noch nicht erwaehnte, ist mein Wagen mit der Luxusausstattung ab Werk her ausgeliefert worden. Diese Luxusausstattung beinhaltet unter anderem auch dass aus Leder gefertigte Sitzmobiliar! Wie landlaeufig bekannt, ist dieses aus der Natur gewonnene Produkt nicht gerade fuer seine Saugfaehigkeit bekannt. Somit bildete sich, langsam und unmerklich, zwischen mir und diesem Ledersitz eine Schicht aus Schweiss und Baumwolle, welche es mir nicht gestattete mich von meinem Sitz zu erheben. Ihr kennt diesen Saugknopf-Effekt alle aus dem Badezimmer fuer eure Handtuecher oder auch aus dem Bastelbereich, wo er teilweise mit Zementkleber tituliert wird.
Ich krallte mich an mein Lenkrad und versuchte mich Ruckartig von dieser Klebepaste zu befreien. Es gelang mir nicht auf Anhieb. Ich steigerte meine Bemuehungen dahingehend, das ich nun mit vollem Koerpereinsatz, wie ein Autist auf LSD, in meinem Wagen vor und zurueckzappelte. Mit einem lauten knirschrissigen Geraeusch gab die Haftcreme nach, und ich schlug mit dem Kopf auf das Lenkrad! Praezise gesagt auf die Nase, welche nun Sturzblutartig anfing meinen Blutvortat in einer beaengstigenden Art und Weise ans Tageslicht zu befoerdern und infolgedessen, die bis dato noch im Koerper ansaessige Lebensfluessigkeit, zu dezimieren!
Ich wuchtete mich aus dem Wagen und schleppte mich benommen zu meinem Arbeitsplatz. Dort angekommen, umgab mich eine arktische Wohltat. Denn ich darf meine, mir durch eine apfelfressende Emanzentussy mit Gehoergangsschwund aufgebuerdete Arbeitszeit, in einem wohl klimatisierten Buero zubringen, welches unwichtig zu erwaehnen, notgedrungen von Maennern erfunden wurde.
Dort harre ich immer noch und mache Ueberstunden, weil ich mich vor der Heimfahrt so fuechte.
(c) Marcell Kluth